Antisemitismus begann nicht erst mit der Nazi-Ära.
Er wurzelt in vorbiblischer Zeit und zieht sich seitdem durch die Geschichte wie ein
roter Faden. Was als religiöser Konflikt begann, entwickelte sich zu einem System politischer,
ökonomischer und sozialer Isolation – doch warum gibt es so viel Hass gegen Juden seit
so langer Zeit? Laut dem Alten Testament führt Abraham, rund
1.800 Jahre vor unserer Zeitrechnung, auf Gottes Geheiß seine Familie von Harran in
der heutigen Türkei nach Kanaan. Abrahams 12 Ur-Enkel werden die Erzväter
der 12 Stämme Israels und begründen Israel als Volk. Sie weigern sich, die Religion der
ansässigen Machthaber anzunehmen. Und sie sind die ersten, die an nur einen Gott glauben. Um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung kommt
das Christentum auf, das anfänglich als jüdische Sekte gilt. Die Kreuzigung von Jesus ist ein
zentraler Punkt in der Geschichte des Antisemitismus. Der Vorwurf Juden seien seine Mörder, begründet
die jahrhundertelange Verfolgung und Diskriminierung von Juden im Namen des Christentums. Ab 60 vor unserer Zeitrechnung steht Judäa,
mit Jerusalem, unter Römischer Herrschaft. Im Jahr 380 unterzeichnen die römischen Kaiser
ein Dekret, das das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Von 300 bis 600 unserer Zeitrechnung kommt
eine neue Welle der Diskriminierungen von Juden auf. Es ist ihnen verboten, Christen
zu heiraten, sie dürfen keine offiziellen Ämter bekleiden und vor Gericht nicht gegen
Christen aussagen. In diese Phase fällt auch die Entstehung
zahlreicher Mythen. Darstellungen von Juden mit Hörnern oder tierartigen Schwänzen kommen
auf. Diese werden später wieder von den Nationalsozialisten aufgegriffen. Im Jahr 1095 ruft Papst Urban zu den Kreuzzügen
gegen Muslime auf. Die Kreuzritter sind keine Armee, sondern gleichen eher einem Mob, der
auf seinem Weg auch jüdische Gemeinden plündert und ihre Bewohner massakriert – der Ursprung
der modernen Pogrome. 1150 schreibt der englische Benediktinermönch
Thomas von Monmouth eine Geschichte, in der ein Lehrling von Juden in ritualisierter Weise
umgebracht wird. Sie ist der Beginn der Ritualmordlegenden im mittelalterlichen Europa. Auch in Österreich
hat sich eine solche Legende bis heute erhalten. Im Tiroler Ort Rinn hält sich sogar ein Kult,
der letzte dieser Art in Europa. Hier soll 1462 ein Bub namens Anderl von ortsfremden
Juden rituell ermordet worden sein. Um den Felsen, auf dem der Mord passiert sein soll,
wurde eine Kirche gebaut. Für die Legende gibt es keinerlei historische Beweise. Und
seitdem der Innsbrucker Bischof den Kult 1994 verboten hat, organisiert er sich in einem
privaten Verein. Von einem dürfen Sie sicher ausgehen. Das einfache Volk hat ein gutes
Gespür für das was aufrichtig und das was gut ist. Das lässt es sich auch nicht von
der Amtskirche ausreden. Das einfache Volk weiß, was es am Anderl hat und das lässt
es sich auch nicht schlecht machen durch die Amtskirche. Jedes Jahr kommen mehr als hundert
Menschen zum Gedenken an Anderl von Rinn. Das Christentum legt im 12. Jahrhundert das
Zinsverbot fest. Juden sind jedoch ausdrücklich davon ausgenommen. Da für Juden Berufsverbote
gelten und sie kein Land besitzen dürfen, werden sie in den Geldhandel gedrängt. Der
Mythos des geldgierigen, betrügerischen Juden hat hier seinen Ursprung. Im 14. Jahrhundert breitet sich die Beulenpest
in Europa aus und tötet geschätzt ein Drittel der Bevölkerung. Ein Sündenbock ist schnell
gefunden. Die von Juden vergifteten Brunnen hätten die Pest ausgelöst. Oder, dass sie
das Blut christlicher Kinder zum Backen des Pessach-Brots verwenden oder Hostien schänden
würden. In Österreich und Deutschland werden geschätzte 100.000 Juden lebendig verbrannt. 1545 schreibt Martin Luther ein Pamphlet mit
dem Titel „Von den Juden und ihren Lügen“. Darin fordert er unter anderem das Verbrennen
von Synagogen, ein Verbot des Geldhandels und die Vertreibung der Juden. Manche Gelehrte
bezeichnen heute Luthers Werk als Marke vom Übergang vom Anti-Judaismus – den Attacken
auf Juden, weil sie das Christentum nicht akzeptieren – hin zum Anti-Semitismus, den
Hass auf Juden als sogenannte Rasse. 1873 schreibt Wilhelm Marr die Propagandaschrift
„Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ und prägt damit den Begriff des Anti-Semitismus.
Seiner These nach würden sich Juden verschwören um den Staat zu übernehmen. 1903 erscheinen im russischen Zarenreich „Die
Protokolle der Weisen von Zion“, eine verschwörerische, und später als Fälschung entlarvte Sammlung
angeblicher Vorträge einflussreicher Juden, die eine Verschwörung rund um die Übernahme
der Weltherrschaft belegen sollen. Adolf Hitler nützt das alte Feindbild des
Juden bei seinem Aufstieg zur Macht im krisengebeutelten Deutschland der 1920er und 1930er Jahre.
1935 wird mit den Nürnberger Gesetzen den Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion beginnt
die planmäßige Ausrottung der Juden im gesamten deutschen Einflussbereich. Im Dezember 1941
nehmen die ersten Vernichtungslager ihren industriellen Tötungsbetrieb auf. Rund 6
Millionen Juden werden umgebracht. Nach 1945: Die Welt weiß von den Gräueltaten
des Holocausts, öffentlicher Anti-Semitismus wird zum Tabu. Die nächsten Jahrzehnte lassen
die Erinnerungen daran jedoch verblassen. 1948 verkündet David Ben Gurion die Errichtung
des Staates Israel. Einige Stunden danach erklären Ägypten, Saudi-Arabien, der Libanon,
der Irak und Syrien dem neuen Staat den Krieg. Heute erkennen 32 UN-Mitgliedsstaaten den
Staat Israel nicht an. Besonders der fortwährende Konflikt mit Palästina
prägt die Geschichte des Landes bis heute und befeuert auch die Gewalt im Rest der Welt.
In Jahren mit Eskalationen im Nahost-Konflikt kommt es zu bis zu vier Mal mehr Straftaten
gegen Juden in Deutschland.